Ein Abend auf dem Rhein

1202-Haas_schiff.JPG

Das Gegenteil von eBooks sind Dichterlesungen, man kann sie nicht löschen, nix anderes draufspielen und sogar raus kommt man nicht, wenn man – wie im Rahmen der lit.COLOGNE und im Fall von Wolf Haas – auf ein Schiff gelockt wird, wo dann die Lesung stattfindet, eine kleine Zumutung für die schon beim Anblick von Badewannen seekranke beste Freundin, wer da raus will, muss schon tüchtig schwimmen können, aber für den Haas lohnen sich schon 90 Minuten Eingesperrtsein.

Dem Haas ist das nur recht. Er, Autor vieler Bücher (darunter der beliebten „Brenner“-Krimis und des absolut waghalsigen literarischen Experiments „Das Wetter vor 15 Jahren“, bei dem man sich wünschte, es gäbe mehr Übersetzungen für das englische „hilarious“) hat nämlich Probleme mit weglaufenden Zuhörern/schauern seiner Dichterlesungen. Sagt er zumindest, und unterbricht das Vorlesen aus seinem neuesten Krimi „Der Brenner und der liebe Gott“ mit Zitaten der Kommentatoren eines Interviews der österreichischen Zeitung „Standard“ – User mit Nicknames wie „Graf Bobby“, „Bis zum Stammhirn und nicht weiter“ oder „DasLebenistschwerunddannstirbtman“ heben den Wert, so Haas, der Berichterstattung ins wasweissichwo, auf jeden Fall deutlich über das bezahlt geschriebene, auch wenn sie sich hauptsächlich darüber mopsen ob’s jetzt gut ist, noch einen Brenner-Roman zu bekommen, ob’s jetzt schlecht ist oder geldgeil oder was. Und ob sie was verpasst haben, als sie bei seiner letzten Lesung in der Pause gingen. Deshalb also das Schiff.

User Participation – oh Donnerwort, doch Wolf Haas, der mit bitterer Wehmut auf sein ehemaliges Werbetexterleben zurückblickt, macht User Generated Content draus und bezieht dafür noch Lohn. Ein ganzer Text für eine Literaturzeitschrift erhielt von ihm nur den Titel – „Der Inhalt“ – für den restlichen Block benutzte er nur die Tasten [cmd] und [c] und [v], um aus einem Hausaufgaben-Abschreibeforum die Hilfeschreie lesefauler Schüler zusammenzutragen, die “ wer hat eine Inhaltsangabe und Interpretation von „Der Knochenmann“ und kann mir sie bitte per e-Mail schicken“ flehten. Dann weist Haas ganz en passant darauf hin, dass selbst diese Formulierung – „mir sie bitte“ – überdurchschnittlich häufig auftaucht und die Schüler wohl selbst ihre Hilfeschreie mit [cmd] [c] [cmd] [v] replizierten.

Man hat sich schon immer zu helfen gewusst, und heute lebt man in der Wissensgesellschaft, da ist das noch wichtiger. Was man noch wissen sollte: früh Karten besorgen und zeitig da sein lohnt sich bei Lesungen von Wolf Haas, denn zum einen kriegt man dann bessere Plätze, zum anderen steht man nicht tränenreich am Rheinufer und schaut der „M. S. Rheinenergie“ nach, die lichterglänzend die Leute nach Rodenkirchen, nach Mülheim und wieder zurück bringt während der Autor liest, aber raufkommen ist dann noch viel schwerer als wieder runter.

Seite 48 von 55« Erste...102030...4647484950...Letzte »