Anfassen!

Es sagt sich so leicht: “die diesjährige Buchmesse stand ganz im Zeichen des eBooks”. Tat sie überhaupt nicht. Sie stand eher im Zeichen des Anfassens.

Denn davon wurde überall geredet. Wenn auf einem Stand über die Haptik von Benutzeroberflächen und die Responsivität der Bildschirme gesprochen wurde, redete man auf vier anderen darüber, dass doch nichts das Gefühl eines fetten, prächtig gebundenen Buchs ersetzen könne. Meistens gefolgt von Witzen, die auch ohne Internetmaßstäbe alt sind, über zerquetschte Fliegen oder gepresste Blumen. “Ja” hieß es dann, “das eBook wird niemals das gebundene Buch völlig ersetzen.”

Aber warum sollte es das? In dieser Aussage schwingt immer das Ressentiment mit, jemand mit Kulturweisungsbefugnis würde Bücher vernichten wollen wie in “Fahrenheit 451″. Dieselbe Wirkung hat man auch schon den Taschenbüchern unterstellt. Letztlich sind es aber die Leser, welche umsteigen, und es sind die Bedürfnisse der Leser, welche den Umstieg bewirken. Hier spielt wieder das Anfassen eine Rolle.

Zum Beispiel bei wissenschaftlicher Literatur. Fast alle Fachverlage bieten ihr Programm als eBooks an – einfach weil die Handhabe enormer Mengen an Büchern, wie sie moderne wissenschaftliche Arbeit erfordert, mit gebundenen Büchern buchstäblich schwer zu bewerkstelligen ist. Die Leichtigkeit des Umgangs mit digitalen Quellen hat schon Politikerkarrieren gekostet; Medienkompetenz ist das Stichwort in so ziemlich allen Schulszenarien.

Wissenschaftliche Arbeit ist ein Zugpferd der Innovation. Der Buchdruck selber verbreitete neben der Bibel auch Gedanken des Humanismus und sorgte so für einen Bildungsschub, Computer kamen aus den Labors nach Hause und sorgten außer Arbeit auch für Unterhaltung, das Internet schuf zuerst Verbindungen zwischen Forschungseinrichtungen, dann zwischen allen Menschen. Das eBook ist keine Innovation mehr, es ist eine Selbstverständlichkeit, in seiner Vielseitigkeit so selbstverständlich, so wertvoll und so nutzbar wie eine MP3 (der ja auch niemand mehr den Vorwurf macht, dass sie keine Schellackplatte sei).

Ebenfalls unfassbar: es gibt kaum wirklich gute digitale Angebote für Kinder. Diese werden vom spartanischen Kindle-eBook noch nicht und vom Papierbuch nicht mehr begeistert, hier hat sich zwischen Spiel, Animation und Text noch keine gängige Form gefunden – hier ist viel Platz und Bedarf für Experimente. Und hierher – und aus der Ecke der wissenschaftlichen Bücher – wird eine neue Generation von souveränen eBooks kommen, spannend, animiert, bunt und auf eigene Weise wirkend: wie die Fotografie, die sich von der Malerei löste, und wie das Kino, als es das Theater hinter sich ließ. Die Buchmessen bleiben spannende Schauplätze dieser Entwicklung.

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